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Framingham Heart Study: die längste Studie aller Zeiten

Übergewicht und mangelnde Bewegung steigern das Risiko für einen Herzinfarkt. Ein hoher Cholesterinspiegel und erhöhter Blutdruck auch. Fettige Ernährung und Rauchen sind ebenfalls schlecht fürs Herz-Kreislauf-System. „Ist doch klar!“, sagen Sie? Das war nicht immer so klar: Noch in den 50er Jahren wusste man so gut wie nichts darüber, wie ein Herzinfarkt zustande kommt. Was uns heute selbstverständlich erscheint, ist einer einzigen gigantischen Studie zu verdanken: Der Framingham Heart Study. Die zentralen Erkenntnisse und warum sie ein einzigartiges Beispiel dafür ist, dass das Wichtigste an einer Studie ihre Teilnehmer sind, erfahren Sie in unserem Beitrag. 

US-Präsident Franklin D. Roosevelt starb vermeintlich plötzlich im Alter von 63 Jahren an einem Schlaganfall – mit einem Blutdruck von 300 zu 190.1 Sein aus heutiger Sicht vermeidbarer Tod kann als symptomatisch für das damalige Verständnis von kardiovaskulären Erkrankungen angesehen werden: Herzinfarkte und Schlaganfälle galten als unheilbare, unvorhersehbare Schicksalsschläge. Dass es bestimmte Risikofaktoren gibt, die die Wahrscheinlichkeit von Herzinfarkten erhöhen, gehörte damals nicht zum medizinschen Standardwissen. Die Amerikaner der vierziger und fünfziger Jahre bewegten sich wenig; fettiges, reichhaltiges Essen und ein Auto, das übermäßige Bewegung unnötig macht, waren Ausdruck eines hohen Lebensstandards, Rauchen wurde nicht als gesundheitsgefährdend eingestuft.

Höchste Zeit, das zu ändern, dachten sich Forscher des National Heart, Lung and Blood Institute (NHLBI) und der Boston University, und riefen die Framingham Heart Study ins Leben, um die zivile Todesursache Nummer eins – kardiovaskuläre Erkrankungen – in großem Umfang zu untersuchen.

Die längste Studie aller Zeiten

1948 wurden mehr als 5.000 Bewohner von Framingham, einer Kleinstadt in Massachusets, für die Studie rekrutiert. Die Bevölkerung der Stadt und ihre Lebensgewohnheiten galten als repräsentativ für die amerikanische Mittelschicht zu Beginn der Studie, was sie ideal für das Forschungsvorhaben machte.

Zu Beginn hielt sich der Enthusiasmus der Stadtbewohner in Grenzen. Doch spätestens seit den späten Fünfzigern, als die ersten bahnbrechenden Erkenntnisse veröffentlicht wurden und weltweit für Aufsehen und für ein Umdenken sorgten, was die Behandlung und Prävention von Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Beschwerden angeht, erklärten sich immer mehr Menschen zur Teilnahme bereit.

In diesem Jahr feiert die Studie ihr 70-jähriges Jubiläum. Mittlerweile wird die dritte Generation von Patienten untersucht und liefert noch immer wertvolle Ergebnisse im medizinischen Bereich. Ein Großteil der Einwohner von Framingham hat an der Studie teilgenommen.2

Die wichtigsten Erkenntnisse aus der Framingham Heart Study

Insgesamt berufen sich jährlich mehrere hundert medizinische Fachartikel auf Erkenntnisse aus der Framingham Heart Study. Sie hat für zahlreiche zentrale Erkenntnisse gesorgt, die die medizinische Welt veränderten und die heute schon fast trivial erscheinen:

  • 1960er: Zigarettenrauchen, ein erhöhter Cholesterinspiegel, erhöhter Blutdruck und Fettleibigkeit steigern das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, ausreichend Bewegung verringert es. Der Ausdruck „Risikofaktor“ erscheint erstmals und geht in den medizinischen Alltagsjargon ein.

  • 1970er: Erhöhter Blutdruck steigert das Risiko eines Schlaganfalls. Bei postmenopausalen Frauen ist das Risiko einer Herzerkrankung im Vergleich zu prämenopausalen Frauen erhöht. Psychosoziale Faktoren beeinflussen das Risiko von Herzerkrankungen.

  • 1980er: Belege, dass Filterzigaretten nicht weniger gefährlich sind, heizen den Clinch mit der Tabakindustrie an. Ein hoher HDL-Cholesterinspiegel reduziert das Risiko von Herzerkrankungen.

  • 2000er: Die gesammelten Daten dienen nun auch anderen Forschungszielen, beispielsweise der Untersuchung von Glück und Einsamkeit innerhalb der Sozialwissenschaft. Die DNA der Studienteilnehmer wird nun ebenfalls untersucht. Vier Risikofaktoren für einen Vorläufer der Herzinsuffizienz werden entdeckt. Das Langzeit-Risiko für schwere kardiale Ereignisse kann nun berechnet werden. Einige Gene erhöhen das Risiko von Vorhofflimmern. Demenz und ihre Risikofaktoren werden nun ebenfalls untersucht.3

"Sie waren sehr stolz, ein Teil der Studie zu sein"

Der Aufwand für Studienteilnehmer ist in der Framingham Heart Study sehr hoch: alle zwei bis drei Jahre müssen sie eine mehrstündige Untersuchung über sich ergehen lassen. Darüber hinaus ist die Studienteilnahme eine lebenslange Verpflichtung. Nichtsdestotrotz ist die Teilnahmebereitschaft über die Jahre hinweig gestiegen und nicht gesunken. Was bewegt die Kinder und Kindeskinder der ersten Probanden dazu, an diesem Mammut-Projekt noch heute teilzunehmen?

Das sagen Probanden der ersten Generation über ihre Teilnahme an der Studie:4

 "Ich habe teilgenommen, weil es zu dieser Zeit sehr beliebt war. Es war ständig in den Nachrichten und man hörte viel Positives darüber."

 "Mein Vater hat immer darüber gesprochen, wie stolz er war, Teil der Herzstudie zu sein. Er sagte, er freue sich auf die Untersuchungen. ‚Sie haben sich immer gut um uns gekümmert‘, sagte er.“

  "Meine Mutter sagte, es sei eine großartige Sache; sie, ihr Ehemann und ihre Eltern waren immer froh, zu den Untersuchungen zu gehen. (…) Sie und all ihre Verwandten waren sehr stolz, ein Teil der Studie zu sein. Jedes Mal, wenn sie in den Nachrichten erwähnt wurde, sprachen sie über ihre eigene Rolle dabei."

Die Aussagen der Probanden zeigen: Die Teilnehmer fühlen sich als Teil eines großen Ganzen. Sie haben das Gefühl, einen Beitrag fürs Allgemeinwohl zu leisten. Und sie nehmen die Teilnahme an der Studie mittlerweile als familiäre Verpflichtung wahr.

Was kann man also auch für Medikamentenstudien aus der Framingham-Studie lernen?

Dass die Patienten und ihre Motivation, teilzunehmen, das Wichtigste in jeder medizinischen Studie, ob Grundlagenforschung wie in der FHS oder Medikamentenstudien, sind. Für Probanden ist es extrem wichtig, dass sie wissen, welchen Beitrag sie mit ihrer Teilnahme zum medizinischen Fortschritt leisten – vielleicht ist dies sogar wichtiger als die Vergütung, die sie gegebenenfalls bekommen. Wenn man es schafft, dies zu vermitteln, dann können so bahnbrechende Ergebnisse erzielt werden wie bei der Framingham Heart Study.

Quellen

1 http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelwissen/d-87717320.html (letzter Aufruf 24.09.2018, 13:24)

2 Mahmood, S. et.al. (2014): The Framingham Heart Study and the epidemiology of cardiovascular disease: a historical perspective. In: Lancet, Vol. 383, No. 9921, S. 999-1008.

3 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4159698/ (letzter Aufruf 24.09.2018, 13:24)

4 eigene Übersetzung; Originalzitate vgl.: https://www.framinghamheartstudy.org/wp-content/uploads/2018/04/2018-Framingham-Heartbeat-Spring.pdf (letzter Aufruf 24.09.2018, 13:24)