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Neuropathische Schmerzen: eine Herausforderung für Betroffene und Ärzt*innen

Frau hält mit der rechten Hand ihre linke Hand hoch

Etwa 5 Millionen Menschen in Deutschland sind von neuropathischen Schmerzen, auch bekannt als Neuropathien oder Nervenschmerzen, betroffen. Was genau sind neuropathische Schmerzen? Wie können sie entstehen? Und warum ist ihre Behandlung – verglichen mit der von „normalen“ Schmerzen – besonders herausfordernd? All das und vieles mehr über Nervenschmerzen erfahren Sie in unserem Blogbeitrag.

 

Neuropathische Schmerzen: anders als „normale“ Schmerzen

Schmerz ist nicht gleich Schmerz: So werden Schmerzen hauptsächlich unterteilt in nozizeptive Schmerzen (nozizeptiv = schmerzempfindlich) und neuropathische Schmerzen (neuropathisch = nervenleidend). Worin genau unterscheiden sich diese beiden Schmerzarten?

verschiedene Schmerzarten

 

Zur Veranschaulichung von nozizeptiven Schmerzen stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Nach einem anstrengenden Tag stehen Sie in Ihrer Küche, um sich ein Abendessen zuzubereiten. Sie sind sehr müde und können sich kaum noch konzentrieren – so kommt es, dass Sie sich beim Gemüseschnippeln in den Finger schneiden, kurz darauf die Hand am Kochtopf verbrennen und zu allem Überfluss über Ihre Katze stolpern und sich dabei den Fuß prellen. Die Schmerzen, die Sie bei jedem dieser drei Vorfälle gespürt haben, sind den nozizeptiven Schmerzen zuzuordnen.

Es handelt sich dabei um helle, stechende Schmerzen, entstanden durch Verletzungen von Binde-, Haut-, Muskel- oder Knochengewebe. Auslöser sind äußere Einflüsse wie Verletzungen, Verbrennungen, Prellungen, Überdehnungen, Verätzungen oder Entzündungen. Bei nozizeptiven Schmerzen sorgt der jeweilige Nerv lediglich dafür, dass das Schmerzsignal weitergeleitet wird – zunächst zum Rückenmark und danach zum Gehirn, wo er dann erst als Schmerz wahrgenommen wird.

Anders ist es bei neuropathischen Schmerzen! Bei diesen sind die Nerven selbst gestört bzw. geschädigt. Im Vergleich zu nozizeptiven Schmerzen ist es bei Nervenschmerzen also so, dass der jeweilige Nerv den Schmerzreiz nicht bloß zum Gehirn weiterleitet – sondern der Nerv selbst verursacht den Schmerz auch.

Nozizeptive und neuropathische Schmerzen können auch zusammen als „gemischter Schmerz“ auftreten. Das ist zum Beispiel bei chronischen Rückenschmerzen aufgrund von Bandscheibenschäden der Fall: Hier sind die Nerven Druck ausgesetzt, sodass mit der Zeit zusätzlich zum nozizeptiven Schmerz ein neuropathischer Schmerz entsteht.

Sowohl nozizeptive als auch neuropathische Schmerzen können akut oder chronisch sein. Was genau bedeuten diese Begriffe? Halten Schmerzen nur kurzfristig an bzw. klingen mit voranschreitender Heilung ab, handelt es sich um akute Schmerzen. Dauert der Schmerzreiz jedoch länger als 3 Monate an, bildet sich ein „Schmerzgedächtnis“: Die Schmerzen gehen in eine chronische Form über, bleiben also langfristig bestehen. Beispiele für chronische nozizeptive Schmerzen sind rheumatoide Arthritis (Gelenkentzündung) oder Tumorschmerzen.

 

Schmerzattacken, Taubheitsgefühle: die unterschiedlichen Symptome neuropathischer Schmerzen

Anders als „normale“ bzw. nozizeptive Schmerzen können sich Nervenschmerzen durch verschiedene Anzeichen äußern. Alle Symptome basieren auf einer charakteristischen Veränderung der Hautsensibilität: Betroffene reagieren über- oder unterempfindlich (manchmal auch gemischt) auf Reize wie Kälte, Wärme, Berührungen oder Druck. So berichten Betroffene von einschießenden, anfallsartigen starken Schmerzattacken, die sich brennend, bohrend oder dumpf anfühlen, und/oder von Taubheitsgefühlen in der betroffenen Körperregion, wozu vor allem Beine und Arme sowie Füße und Hände gehören:

Zitat betroffene Person

Zitat betroffene Person


Zitat betroffene Person

 

Die Schmerzsymptome können dazu führen, dass Betroffene es vermeiden, den entsprechenden Körperteil zu bewegen:

Zitat betroffene Person

 

Hierdurch drohen jedoch die Muskeln zu verkümmern, wodurch wiederum die Bewegung eingeschränkt wird.

 

Neuropathische Schmerzen: mögliche Ursachen und Diagnose  

Neuropathien entstehen, wenn Nerven des zentralen Nervensystems (Nerven in Gehirn und Rückenmark) oder peripheren Nervensystems (Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark) geschädigt werden: Daher unterscheidet man grob zwischen zentralen neuropathischen Schmerzen und peripheren neuropathischen Schmerzen. Die Nervenschädigung führt zu plastischen Veränderungen im Nervensystem. Diese machen das Nervensystem schmerzanfälliger. Langfristig können diese plastischen Veränderungen irreversibel, d.h. unumkehrbar, werden: Die Nervenschmerzen gehen in dem Fall in eine chronische Form über.

Die konkreten Ursachen einer Nervenschädigung sind vielfältig:

  • Postoperative Neuropathie: Nervenschmerzen nach einer Operation
    Natürlich versuchen Ärzt*innen, so zu operieren, dass die Nerven der Patient*innen bestmöglich geschont werden. Dennoch treten bei etwa 20 % aller operierten Patient*innen nach dem Eingriff Nervenschmerzen, sogenannte postoperative neuropathische Schmerzen oder postoperative Neuropathie, auf. Zu den Eingriffen, die am häufigsten Nervenschmerzen nach sich ziehen, gehören Operationen an der Lunge, Brust/Brustkorb (zum Beispiel im Rahmen einer Herzerkrankung oder einer krebsbedingten Brustentfernung), Leistenbruch-Operationen sowie Amputationen. Während des Eingriffs können die Nerven unter anderem durch Traumen, Kompressionen, Überdehnung oder die Patient*innenlagerung geschädigt werden. Nach dem Eingriff können Entzündungsprozesse auftreten, durch welche die Nerven erkranken können. Anders, als man vielleicht vermuten würde, hängt die Größe des Eingriffs nicht unbedingt mit der Schwere der Nervenschmerzen zusammen. In den meisten Fällen verlaufen postoperative Nervenschmerzen mild und treten nur vorübergehend auf. Sie können aber auch lange bis hin zu lebenslang anhalten und dies sowohl nach leichten als auch nach schweren Eingriffen. Manche Menschen sind anfälliger für postoperative Neuropathien: So besteht ein höheres Risiko bei Patient*innen, deren Nerven bereits erkrankt sind. Davon abgesehen begünstigen bestimmte Vorerkrankungen, darunter Diabetes, Alkoholabhängigkeit oder ein sehr hoher oder sehr niedriger Body-Mass-Index, dass nach einer Operation Nervenschädigungen auftreten. Aus diesem Grund sollten Patient*innen vor operativen Eingriffen neurologisch auf solche Risikofaktoren untersucht werden.
  • Diabetische Neuropathie: Nervenschmerzen durch Zuckerkrankheit
    Nervenschmerzen sind eine der häufigsten Folgeschäden von Diabetes, auch bekannt als Zuckerkrankheit: Während unter den Typ-1-Diabetikern etwa 8 bis 54 % von Nervenschmerzen betroffen sind, ist bei den Typ-2-Diabetikern von etwa 13 bis 46 % auszugehen. Wie hängen Diabetes und Nervenschmerzen miteinander zusammen? Ein zentraler Risikofaktor besteht in den dauerhaft erhöhten Blutzuckerwerten: Zum einen schädigt ein hoher Blutzuckerspiegel die zu den Nerven führenden Blutgefäße. Durch diese Schädigung erhalten die Nerven nicht mehr genügend Sauerstoff. Zum anderen geht man davon aus, dass durch den Blutzuckerüberschuss bestimmte Stoffwechselprozesse ausgelöst werden – und diese Stoffwechselprozesse beeinträchtigen die Nerven. Es gilt: Je höher die Blutzuckerwerte und je länger der Diabetes schon andauert, desto größer ist das Risiko einer diabetischen Neuropathie. Das besonders Tückische: Der Nervenschaden verursacht anfangs keine Beschwerden, sodass viele der Betroffenen ihn erst später bemerken.
  • Zu den weiteren möglichen Ursachen von Nervenschmerzen gehören unter anderem Erkrankungen wie Gürtelrose, Schlaganfall, Multiple Sklerose, Parkinson, Schilddrüsenunterfunktionen oder Alkoholmissbrauch sowie Chemotherapien oder Amputationen.

Die Diagnose von Neuropathien erfolgt durch schmerzmedizinische Spezialisten. Zunächst wird eine Anamnese durchgeführt: Der/die Ärzt*in erkundigt sich nach der Krankengeschichte des/der Patienten*in und erfragt gezielt typische Anzeichen von Nervenschmerzen. Daraufhin wird der/die Patient*in neurologisch untersucht: Hierbei sollen typische Symptome von Nervenschmerzen, die Betroffenen oft gar nicht bewusst sind (zum Beispiel Taubheit oder Lähmungserscheinungen), exakt erfasst werden. Mittels mechanischer, thermischer und sensorischer Reize untersucht der/die Ärzt*in die Funktion der Schmerzfasern. Darüber hinaus kann er die Geschwindigkeit der Nervenleitung messen beziehungsweise Nerven entnehmen (Biopsie) und diese neurohistologisch untersuchen. Wenn Anamnese und die Ergebnisse der neurologischen Untersuchungen übereinstimmen, wird die Diagnose „neuropathische Schmerzen“ gestellt.

 

Neuropathische Schmerzen: erheblicher Einfluss auf Lebensqualität

Nervenschmerzen können sich sehr negativ auf die Lebensqualität auswirken: Etwa zwei Drittel aller von neuropathischen Schmerzen betroffenen Menschen fühlen sich in ihrem Alltag sehr stark eingeschränkt. Nervenschmerzen können Körper und Psyche derart zermürben, dass Schlaf sowie Arbeits- und Leistungsfähigkeit darunter leiden:

Zitat betroffene Person

Zitat betroffene Person

 

Viele Betroffene isolieren sich, entwickeln eine Depression und/oder Angstzustände bis hin zu Suizidgedanken:

Zitat betroffene Person

 

Angesichts der häufig erheblich negativen Folgen neuropathischer Schmerzen ist absolut nachvollziehbar, dass Betroffene sich nach einer Behandlung sehnen, die ihre Schmerzen beendet beziehungsweise zufriedenstellend lindert.  

 

Die Behandlung neuropathischer Schmerzen ist schwierig

Was können von neuropathischen Schmerzen Betroffene tun? Zunächst einmal ist es grundsätzlich wichtig, Nervenschmerzen frühestmöglich zu erkennen und sie im Anschluss schnell sowie intensiv zu behandeln. Auf diese Weise lässt sich am effektivsten vermeiden, dass die Schmerzen chronisch werden.   

Neuropathische Schmerzen können auf verschiedene Art therapiert werden:

Postoperative neuropathische Schmerzen - Behandlungsmöglichkeiten

Zuallererst sollte im Rahmen einer kausalen Therapie versucht werden, die Ursache der Nervenschmerzen bzw. Nervenschädigung bestmöglich zu behandeln. So sollte beispielsweise bei Diabetes der Blutzucker besser eingestellt oder im Falle von Alkoholmissbrauch der Alkoholkonsum vermieden werden.

Wie bereits erwähnt sind neuropathische Schmerzen nicht gleichzusetzen mit „normalen“ bzw. nozizeptiven Schmerzen. Aus diesem Grund helfen „klassische“ Schmerzmedikamente bei Nervenschmerzen wenig bis gar nicht. Relativ erfolgreich bei der medikamentösen Behandlung neuropathischer Schmerzen sind Arzneimittel wie Antidepressiva, Opioide, Antikonvulsiva oder selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer. In den meisten Fällen ist es sinnvoll, mehrere Medikamente miteinander zu kombinieren. Leider sprechen bis zu 40 % der von Nervenschmerzen Betroffenen nur unzureichend auf eine medikamentöse Therapie an oder leiden an Nebenwirkungen, die nicht tolerierbar sind – eine Tatsache, die darin begründet liegt, dass ein bestimmtes Medikament nicht bei allen Patient*innen gleich wirkt:

Zitat betroffene Person

 

Darum ist es notwendig, dass sowohl Ärzt*in als auch Patient*in viel Geduld zeigen: Beide sollten sich Zeit nehmen, um eine individuell optimale Therapie der neuropathischen Schmerzen zu finden. In diesem Zusammenhang sollten auch die Behandlungsziele ausführlich besprochen werden: Neuropathien können in den seltensten Fällen vollständig geheilt werden. Realistisch ist, die Nervenschmerzen des/der Patienten*in um 30 bis 50 % zu reduzieren – sodass sich seine Schlaf- und Lebensqualität verbessern und er seine Arbeits- und Leistungsfähigkeit erhalten beziehungsweise wiedererlangen kann. Dies sollte der/die Ärzt*in dem/der Patienten*in unbedingt bewusst machen, damit letzterer keine zu hohen Erwartungen in die Therapie setzt und nicht enttäuscht wird.

Die nicht-medikamentöse Behandlung neuropathischer Schmerzen ist vielfältig: So ist beispielsweise Physiotherapie sehr empfehlenswert. Durch Physiotherapie lernen Patient*innen, dass es wichtig ist, entsprechende Körperteile trotz Schmerz weiterzubewegen – und so zu vermeiden, dass die Muskeln verkümmern. Darüber hinaus hilft Physiotherapie, den Bewegungsumfang der Gelenke zu steigern oder zu erhalten, eine bessere Funktionalität herzustellen und die betroffene Körperregion zu desensibilisieren. Durch eine Psychotherapie können Patient*innen lernen, mit ihren neuropathischen Schmerzen angemessen umzugehen und eine verbesserte Schmerzakzeptanz entwickeln. Des Weiteren können warme Fußbäder, Akupunktur, Infrarotstrahlung oder Applikation von Kälte Schmerzlinderung verschaffen.  Bei einer invasiven Therapie neuropathischer Schmerzen werden unter anderem Nervenblockaden eingesetzt. Diese zielen darauf ab, Nervenbahnen, die Schmerzsignale weiterleiten oder verstärken, zu unterbrechen. Nervenblockaden können Patient*innen helfen, deren Nervenschmerzen trotz medikamentöser Behandlung stark und anhaltend bleiben.

In vielen Fällen ist es sinnvoll oder erforderlich, mehrere Therapieansätze zu kombinieren, um die Nervenschmerzen so gut es geht zu lindern. Das Hauptziel aller Behandlungen von neuropathischen Schmerzen besteht darin, die Lebensqualität der Betroffenen so gut es geht zu verbessern.

Zitat betroffene Person

 

 

Operation gehabt – und nun Nervenschmerzen?

Nervenschmerzen können Körper und Psyche zermürben. Sie leiden nach einer Operation an neuropathischen Schmerzen? Lassen Sie sich unverbindlich von unseren Ärzt*innen zu einer Studienteilnahme beraten. Weitere Informationen erhalten Sie hier oder am Patiententelefon unter 030 - 310 136 18.

Außerdem möchten wir Ihnen zwei spannende Interviews mit Dr. Guido Koopmans, dem Auftraggeber der oben genannten Studie, ans Herz legen: Mit Radio Paradiso und auch mit emovis hat er ausführlich über das Thema Nervenschmerzen und die Studie gesprochen – Reinhören und Reinlesen lohnt sich!

 

*Anmerkung: Die Sprechblasen geben Internetforen-Beiträge von an Nervenschmerzen leidenden Menschen wieder. Zur besseren Lesbarkeit haben wir die originalen Zitate hinsichtlich Rechtschreibung und Grammatik angepasst.

 

Quellen: