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Fernsehärzte: Drama, Drama, Drama - und eine Prise Medizin

Ärzte und Schwestern im OP-Saal

Welches ist Ihre Lieblings-Arztserie? Unter uns: auch einige Kollegen von emovis schauen gerne den Fiktiven Kollegen dabei zu, wie sie Patienten mit unerklärlichen Symptomen heilen. Doch ein ungutes Gefühl bleibt trotzdem, wenn mal wieder eine Wiederbelebungsmaßnahme völlig falsch dargestellt wurde oder wenn Dr. House sich selbst eine Jahresration Pillen verschreibt.

Millionen sitzen im Wartezimmer von Dr. House & Co.

Arztserien sind nicht nur beim deutschen Publikum beliebt: auch in den USA sind sie – spätestens seit der legendären Fernsehserie Emergency Room mit George Clooney – ein Dauerbrenner. Sie kommen in ihrer Popularität sogar dem Fernsehkrimi nahe: die Deutschen lieben zwar ihren Tatort. Doch Formate wie In Aller Freundschaft, Der Bergdoktor, Club der Roten Bänder, aber auch englischsprachige Produktionen wie Dr. House, Scrubs und Grey’s Anatomy stehen dem Krimi in Sachen Einschaltquoten in nichts nach. Mit der Liste erfolgreicher Arztsendungen ließen sich ganze Bücher füllen, und es kommen stets neue Produktionen hinzu.

Doch warum ist das so? Was ist so faszinierend an Dr. House, Dr. Cox und an Dr. Stefan Frank – dem Arzt, dem die Frauen angeblich vertrauen?

Was macht Arztserien so beliebt?

Die Antwort ist relativ einfach: Drama, Drama, Drama - und eine Prise Vouyeurismus. Während wir gemütlich und hoffentlich kerngesund im Fernsehsessel sitzen, ergötzen wir uns an schweren Schicksalsschlägen und genialen Diagnosen extrem seltener Krankheiten, die gewürzt sind mit einer Prise Liebesdramen zwischen Arzt und Krankenschwester oder Chirurgin und Arzt.

Doch „echte“ Ärzte kann die Darstellung von Krankheitsbildern und vom Klinikalltag auch richtig nerven.

Gefährliches Halbwissen

Die Macher von Arztserien spekulieren auf hohe Einschaltquoten. Die kriegt man mit Drama. Und das Darstellen von medizinischem Drama geht eigentlich immer zulasten der medizinisch korrekten Darstellung.

Das geht los bei der Darstellung der Häufigkeit verschiedener Erkrankungen.1 Knochenbrüche sind selten spannend genug, um ein Millionenpublikum zu fesseln. Da schaut man doch lieber dem Ärzteteam dabei zu, wie es eine scheinbar gesunde junge Frau, die an einer sehr seltenen Nervenerkrankung zu sterben droht, in allerletzter Sekunde durch eine geniale Eingebung rettet.

Doch auch die Darstellung von Arzt-Charakteren und deren persönlichen Problemen kann das Vertrauen in die echten Ärzte erschüttern:2 Wer möchte schon von einem tablettensüchtigen Dr. House behandelt werden?

Auch wäre das Darstellen der übergroßen Mehrheit an Operationen, die ohne Komplikationen verlaufen, nicht besonders sehenswert. Doch die Darstellung von Ärzten, die sich im OP-Saal streiten, oder von OPs, in denen ein Patient verblutet oder fast stirbt, kann die Unsicherheit und die Angst echter Patienten und Arztserienzuschauern vor OPs verstärken. Das zeigt die Studie eines Chirurgen aus dem Jahr 2008.3

Wer Arztserien schaut, neigt auch dazu, sich ein „gefährliches Halbwissen“ anzueignen. Viele Ärzte berichten davon, dass Patienten glauben, sich selbst diagnostizieren zu können: „Ich meine, es kann doch nicht sein, dass ich einem Patienten sein Krankheitsbild schildere, mir viel Mühe gebe und der Patient trotzdem einen Fernseharzt für mindestens genauso kompetent hält wie mich“, sagt Kai Witzel, der Initiator der genannten Studie.4

Traut eurem Publikum mehr zu!

Zunächst einmal sollten sich Fans von Scrubs, Grey’s Anatomy und Co. immer wieder klarmachen: das sind Unterhaltungssendungen, und man sollte nicht alles, was dort dargestellt wird, für bare Münze nehmen.

Doch auch von den Machern dieser Sendungen kann man verlangen, auf mehr medizinische Korrektheit zu achten. So könnte man das Millionenpublikum wunderbar dazu nutzen, um den Zuschauern wirklich etwas über Erste Hilfe, Krankheitsbilder und den Arbeitsalltag in einem Krankenhaus beizubringen. Wer behauptet, das sei nicht spannend genug, um hohe Einschaltquoten zu generieren, der sei auf Formate wie Chicago Med oder Code Black verwiesen. Diese relativ neuen Klinik-Serien aus den USA wurden viel für ihre medizinische Richtigkeit gelobt und erfreuen sich trotzdem großer Beliebtheit. Das könnte ein Trend sein, das für alle ein Erfolgsrezept ist: für Ärzte, Zuschauer und Produzenten.

Quellen

1 Adams DH, Snedden DP. 2006. How Misconceptions Among Elderly Patients Regarding Survival Outcomes of Inpatient Cardiopulmonary Resuscitation Affect Do-Not-Resuscitate Orders. Journal of American Osterpath Association JAOA ??, 106 (7):402-404.

Bear NA. 1996. Cardiopulmonary Resuscitation On Television- Exaggerations and Accusations. The New England Journal of Medicine, 334 (24):1604-1605.

Leucht, Lisa. 2015. Die Darstellung und Analyse von Erkrankungen in medizinischen Fernsehserien (House, Scrubs, ER) unter besonderer Betrachtung von Nierenerkrankungen. Jena, Friedrich-Schiller-Universität (Dissertation).

Chory-Assad RM, Tamborini R. 2001. Television Doctors: An Analysis of Physicians in Fictional and Non-Fictional Television Programs. Journal of Broadcasting & Electronic Media, 45. (3):499-521.

3 o.A., 07.05.2015. Wie Arztserien Patienten verwirren. Frankfurter Neue Presse. Verfügbar unter: http://www.fnp.de/nachrichten/panorama/Wie-Arztserien-Patienten-verwirren;art685,1388683 (letzter Abruf: 26.07.2018)

4 ebd.