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Alzheimer-Forschung: einen Schritt vor, drei Schritte zurück

Bis Medikamente nach ihrer Testung in einer klinischen Studie auf dem Markt erhältlich sind, kann es quälend lange dauern. Oft schaffen sie es gar nicht auf den Markt. Solche Fälle gibt es besonders häufig in der Erforschung von Demenzerkrankungen wie zum Beispiel Alzheimer. Warum das so ist, was Gedächtnisstörungen so problematisch für die klinische Forschung macht – und warum trotzdem noch Hoffnung besteht.

In Deutschland leben gegenwärtig etwa 1,7 Millionen Menschen mit Demenz – Tendenz steigend. Im Jahr 2050 werden es Schätzungen zufolge schon 3 Millionen sein. Davon sind etwa zwei Drittel an einer Alzheimer-Demenz erkrankt. Alzheimer stellt also die mit Abstand häufigste Ursache für Demenzerkrankungen dar.1

Demgegenüber steht eine andere, fast genauso erschreckende Zahl: 99,6 Prozent aller Medikamentenstudien zur Behandlung von Alzheimer der letzten zwei Jahrzehnte sind gescheitert. Zum Vergleich: bei der Krebsforschung sind es „nur“ knapp über 80 Prozent.2

Für klinische Forschung braucht man grundsätzlich einen recht langen Atem (mehr dazu hier). Doch bei der Erforschung von Alzheimer gibt es einige Probleme, die dazu führen, dass es noch langsamer vorangeht und es noch mehr Rückschläge gibt als bei anderen Krankheitsbildern. Bevor auf diese Probleme eingegangen wird, folgt erst einmal eine kurze Zusammenfassung, wo die internationale klinische Forschung im Bereich Alzheimer derzeit eigentlich steht.

Alzheimer-Forschung: bessere Diagnosetechniken

Eine Heilung der Alzheimerdemenz ist momentan nicht möglich. Das ist für die Betroffenen besonders bitter, sorgt aber auch dafür, dass sich die Forschung auf Medikamente konzentriert, mit denen potenziell der Verlauf der Krankheit verlangsamt werden kann. Vor allem Studien, in denen an den für die Krankheit typischen Eiweißablagerungen (Amyloid-Beta-Proteine) im Gehirn geforscht wird, wurden in den vergangenen Jahren besonders häufig durchgeführt. Noch ist aber nicht endgültig geklärt, wie diese Eiweißablagerungen zustande kommen. Daher wird vermehrt gefordert, parallel zur Überprüfung der Wirkstoffe weitere Grundlagenforschung zu den Ursachen von Alzheimer zu betreiben.

Auch an besserer Diagnosetechnik wird geforscht, beispielsweise an Biomarkern, mit denen die Diagnose früher und genauer gestellt werden kann. Daneben gibt es Studien zu Vorhersage-Softwares, die mit Big Data arbeiten, und zu genetischen Tests, mit denen die Wahrscheinlichkeit, an Alzheimer zu erkranken, bestimmt werden können soll. Diese sind jedoch umstritten, da nicht abschließend geklärt ist, welche Bedeutung genetische Faktoren bei der Alzheimerdemenz tatsächlich haben. Dennoch ist diese Forschungsrichtung sehr wichtig, denn eine frühe Erkennung der Krankheit gibt einerseits dem Arzt die Möglichkeit, frühzeitig die richtige Therapie einzuleiten und so den Krankheitsverlauf herauszuzögern, sowie andererseits dem Patienten, sich auf seine Zukunft mit der Krankheit einzustellen und seine Angelegenheiten noch im Vollbesitz seiner Kräfte zu regeln.3

Warum Alzheimer-Studien so schwierig durchzuführen sind

Wer einmal einen demenzkranken Angehörigen gepflegt hat, der weiß: der Alltag mit dieser Krankheit ist schon schwer genug. Den Betroffenen und ihren Angehörigen steht verständlicherweise oft nicht der Sinn nach der Teilnahme an einer klinischen Studie. Hinzu kommt, dass wegen des langsamen Verlaufs der Krankheit eine Studie besonders lange dauern kann, sodass viele Patienten – aus unterschiedlichen Gründen – zu früh die Studie verlassen und es so schwierig ist, zuverlässige Ergebnisse zu erhalten.

Auch die Probleme bei der eindeutigen Diagnose, gerade im Frühstadium, stehen der klinischen Forschung im Weg: häufig wird die Krankheit erst spät erkannt und anfangs mit anderen Demenzformen oder psychischen Erkrankungen verwechselt. So ist ein Einstieg in eine klinische Studie im für die Forschung so wichtigen Frühstadium selten möglich.

Trotz der genannten Schwierigkeiten und trotz der Misserfolgsquote werden weiterhin Alzheimer-Medikamente in klinischen Studien getestet: derzeit sind etwa ein Dutzend vielversprechende Medikamente in Deutschland im Stadium der klinischen Erprobung. Dabei handelt es sich vor allem um Medikamente, die die Bildung der für Alzheimer typischen Eiweißablagerungen im Gehirn (Amyloid-Beta-Proteine) hemmen oder verhindern sollen, aber auch Produkte, die psychische Begleitsymptome der Patienten lindern können. Wenn sie sich bewähren, könnten sie in einigen Jahren die Marktzulassung erhalten.4

Grundlagenforschung fördern

Manche Experten fordern angesichts der zahlreichen gescheiterten Projekte ein Abrücken von der „Eiweiß-Strategie“: Die Forschung an Produkten, die den Abbau der Amyloid-Plaques im Gehirn bewirken sollen, sei eine falsche Fährte, und man solle wieder verstärkt Grundlagenforschung betreiben.5 Diese Forderung ist sicherlich nicht falsch. Vieles an der Alzheimer-Demenz, beispielsweise ihre genauen Ursachen und Risikofaktoren, ist noch unbekannt, und ein besseres Verständnis davon ist in jedem Fall hilfreich bei der Erforschung neuer Wirkstoffe. Doch langfristig ist es vermutlich erfolgsversprechender, Grundlagenforschung und die Erforschung von konkreten Wirkstoffen zu kombinieren.

Fakt ist: die Zeit drängt. Jedes Jahr erkranken 300.000 Menschen in Deutschland neu an Demenz, denen mit den Medikamenten geholfen werden könnte. Langfristig sind die Millionen Patienten nicht nur potenzielle Abnehmer für neue Medikation, sondern sie leiden auch massiv unter ihren Lebensumständen. Umso wichtiger sind die Alzheimer-Patienten, die sich trotz ihrer schwierigen Lebensumstände bereiterklären, an klinischen Studien teilzunehmen.

Quellen

1 https://www.deutsche-alzheimer.de/fileadmin/alz/pdf/factsheets/infoblatt1_haeufigkeit_demenzerkrankungen_dalzg.pdf (letzter Zugriff: 28.08.2018)

2 www.vfa.de/de/arzneimittel-forschung/woran-wir-forschen/neue-alzheimer-medikamente-in-entwicklung.html (letzter Zugriff: 28.08.2018)

3 https://www.mdr.de/wissen/mensch-alltag/alzheimer-bald-vorhersagbar-100.html (letzter Zugriff: 28.08.2018)

4 https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/medizin-alzheimer-forschung-erweist-sich-fuer-die-pharmakonzerne-als-milliardengrab/22681010.html?ticket=ST-3366710-s5Qkbhf4pHXB51SicZMp-ap5 (letzter Zugriff: 28.08.2018)

5 https://www.deutschlandfunk.de/zukunftstechnologien-europa-ringt-um-gemeinsamen-kurs-im.724.de.html?dram:article_id=426143 (letzter Zugriff: 28.08.2018)